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Ulrich Puritz

der raum als bild

Ein merkwürdiger Ast an einem stattlichen Baum.
Mit seinen gut hundert Jahren hat dieser mehrere Versionen Deutschlands überdauert.
Er steht auf einer großen, grün überwucherten Baulücke im Stadtkern von Greifswald.

Nach Austritt aus dem Stamm biegt sich der Ast alsbald um 180 Grad, wächst sich selbst entgegen und an seinem Auslass vorbei. In der Baulücke suchte ich nach verdeckten Flucht- und Blickpunkten. Sie wollte ich mittels Farbe in „space-marker“ wandeln und so den Raum neu akzentuieren. Hierbei ist mir dieser Ast aufgefallen. Ich entfernte die Blätter und überzog ihn mit weißer Farbe.

Eine Frau mit Kind und Hund betrat das Gelände.
„Was macht der Mann denn da?“, fragte die Kleine.
„Der Mann pinselt den Baum an“, so die Antwort der Begleiterin.
Damit schien mein Tun hinreichend erklärt. Das Mädchen gab sich zufrieden.
Der Hund tat, was er tun sollte. Danach entfernten sie sich wieder.

Das ist sechs Jahre her.
Noch heute besuche ich den Baum ab und an und sehe nach. In den ersten Jahren blieb der Ast ohne Blätter. Er hat mir den Eingriff zunächst verübelt. Jetzt ist er wieder grün und ordentlich gewachsen. Jedes Mal, wenn ich an dem Gelände vorübergehe, sehe ich dort diesen Satz wie eine Inschrift: Der Mann pinselt den Baum an.

 

einbildung
Die „Welt“, unsere Lebensräume – Landschaft, Stadt, Dorf, Plätze, Straßen und die Wohnung z.B. – sind zugleich Bildräume. Sie rahmen und formen unser Tun, Denken und Empfinden, prägen Sinne und Sichtweisen, folgen ihrerseits Vorbildern und erzeugen Nachbilder. Wir selbst beleben und bebildern diese Räume. Über deren Gebrauch, Gestalt und Gestaltungsmöglichkeiten bilden sie sich ein, werden „einverleibt“. Das Wie regeln kulturelle und ästhetische Muster. Soziale Milieus und individuelle Erfahrungen können solche Muster einfärben oder umfärben.

In jenen spontanen Bewertungen, die z.B. ein Kirchenschiff, ein Schulflur, eine Bauruine oder ein Haus am Meer in uns auslösen, treten uns Einbildungen an äußeren Sachverhalten entgegen. Unsere Wahrnehmung überzieht Räume mit inne-ren Bildern und wirft ein vertrautes Netz aus, mit dem sie Objekte, Menschen und räumliche Beziehungen vermisst, verortet und bewertet. Dort, im Außen, begegnen wir uns selbst und erhalten Gelegenheit, etwas über uns und „die Welt“ am Beispiel einer ausschnitthaften Beziehung zu erfahren.

bildräume
An öffentlichen oder privaten Räumen interessieren mich beabsichtigte und unbeabsichtigte Einflussnahmen auf Wahrnehmung, Empfinden, Verhalten und Gebrauch. Im Sichtbaren eingelassene Wirkkräfte und solche, die sich nachträglich durch Zeit, Verschleiß aber auch durch Unachtsamkeit, Missachtung oder Widerspruch gebildet haben, wecken meine Aufmerksamkeit. Sie richtet sich auf das Unsichtbare im Sichtbaren und jene latenten Potentiale im Gegenwärtigen, die sich durch künstlerische Interventionen markieren und modellieren lassen.

Den Rohstoff für künstlerische Projekte finde ich in Resonanzen auf unterschiedliche Räume meines Berufs- und Alltagslebens, in öffentlichen Gebäuden oder privaten Häusern, im Stadtraum, auf Grün-, Brach- oder auch auf Wasserflächen - und immer wieder auf Reisen. Überall dort, wo ich bin, können Räume oder Raumausschnitte samt Inventar zum Bildraum werden. „Malgründe“, die ich in Arbeit nehme, sind dreidimensional.

bildmittel
Ein Großteil der bildnerischen Mittel hält der Ort selbst bereit. „Ich arbeite mit der Welt, so wie ich sie vorfinde“ (Richard Long).

Wichtigster Akteur ist der Körper als Sensor, Zentralorgan und Werkzeug. Mit ihm lassen sich Gegenstände, Raumordnungen, Topographien sowie Nutzungs- und Verhaltenspielräume erfassen. Mit ihm nehme ich Geräusche, Stimmen und Stimmungen auf. Er ist Testinstrument für Bühnenqualitäten, Inszenierungsmöglichkeiten, Toleranzgrenzen und Fragestellungen des jeweiligen Environments. Überdies ist er Zeichen, das Aufmerksamkeit erzeugen kann und sich nutzen lässt. Auch setzt er Zeichen und hinterlässt Spuren einer raumnehmenden und raumgebenden Anwesenheit. Im handgreiflichen Tun, in künstlerischen Formen der Anamnese und des Eingreifens dehnt er sich, richtet Sinne und Gedanken, kann sich „verräumlichen“ und Anstöße geben.

vor ort
Räumliche Bilder entstehen, indem ich dem jeweiligen Raum hinzufüge: zunächst meine Neugierde und mich selbst, dann etwas, das sich entdecken oder finden lässt, das ich mit mir führe, als Spur erzeuge oder eigens für den Ort gebaut habe und zuletzt jenen Betrachter, der durch den Eingriff stehen bleibt, sich wundert und vielleicht neugierig wird. So rundet sich der „Bildaufbau“.

Auch durch Wegnehmen lässt sich etwas hinzufügen. Eine Leerstelle dort, wo etwas war oder hätte sein können. Oder ein nichtiger Gegenstand fehlt, an dessen Anblick man sich gewöhnt hatte, und sein Fehlen wird offensichtlich, weil er durch einen Fremdkörper ersetzt wurde. Bisweilen reicht es, auch nur den Standort, so unsinnig er jedermann bislang erschien, ohne ersichtlichen Grund zu verrücken und ein Gegenstand wirkt plötzlich deplaziert. Eine andere Möglichkeit des Intervenierens ist, inmitten von Unordnung, die durch hartnäckiges Ignorieren vertraut geworden ist, wie von „Geisterhand“ eine rätselhafte Ordnung einzubringen. Die Umkehrung kann ebenso wirksam sein: eine kleine Unordnung dort, wo stets Ordnung herrschen sollte.

Besonders reizen mich Interventionen, denen es gelingt, die „Stimmen“ räumlicher und raumbildender Größen mittels visueller Kontrapunkte zu einer Art angespannten, brüchigen Stille kurzzuschließen. Mittels „befremdlicher“ Einfügungen, welche Deutungen widerstehen und so die Neugier aufrecht erhalten, spekuliere ich auf Sogwirkungen. Ein Passant könnte innehalten und wird zum Anwesenden, der Zeit und Aufmerksamkeit investiert. Mit seiner Imagination tritt er in den Bildraum ein und hebt einen jener Vorhänge, die Erwartungen, Gewöhnungen und Vertrautheit bilden können.

Ist ein Prozess abgeschlossen und das Raum-Bild entschieden, nutze ich das Szenario zu Foto- oder Videoarbeiten, für Zeichnungen, Objekte oder Malerei. Der Kontext wird in eigenständige Bildräume aufgelöst, die für sich selbst stehen und weder Prozess noch Ort dokumentieren sollen. Der räumliche Eingriff als Original hat Eigensinn und verschwindet wieder. Was von ihm übrig bleibt, folgt autonomen künstlerischen Überlegungen. Die „Reste“ müssen sich als freie Transformationen in Objekten, in bewegten oder festen Bildern behaupten.

im atelier
Unterwegs, in ambulanten Situationen, bin ich Gast und arbeite mit temporären Mitteln. Kunst für Ausstellungen und eine gewisse Dauer entsteht stationär: in der Werkstatt, im Atelier. Sie hat Fragestellungen zum Gegenstand, die sich bei der Beschäftigung mit dem „Raum als Bild“ ergeben haben und mit künstlerischen Mitteln daraus entnommen und isoliert wurden.

So entstehen Zeichnungen, Objekte, Foto- und Videoarbeiten sowie Malerei. Sie sind mir Sehhilfen, Reflexionsmedien und „Malmittel“. Mit ihnen erprobe ich assoziative dreidimensionale Fügungen. Ein Präsentationsraum wird begehbares Bild, dessen Komposition hinsichtlich eines sich darin bewegenden Körpers entschieden wird. Der Besucher sieht sich, je nach Standort und Perspektive, mit unterschiedlichen Ansichten konfrontiert. Sie sollen ihm Rohstoff bieten für eigene Bilder und Geschichten, die er in Bewegung halten und mitnehmen kann.

die macht der räume
Die „Macht der Bilder“, ihr Einwirken auf unsere Sinne, Ängste und Glücksvorstellungen, jene virtuellen Räume also, in die wir uns aus Alltäglichkeiten zurückziehen und von denen wir uns einnehmen lassen, finden Beachtung. Sie liegen in Blickrichtung der Bild-, Kunst- und Kommunikationswissenschaften. Jene Räume hingegen, aus denen wir uns zurücknehmen, in denen unsere Körper verbleiben, in denen wir leben, arbeiten und die auch die virtuellen Fluchtpunkte enthalten und zur Wirkung bringen, scheinen weniger Aufmerksamkeit zu binden. Haben wir uns mit den Grundrissen, Nutzungsvorgaben und Gestaltungsweisen von Wohn-, Arbeits-, Stadt- oder Landschaftsräumen und den darin eingelassenen Vorstellungen vom „Leben“ abgefunden? Nehmen wir die Zustände von Büro-, Seminar- oder Klassenräumen, von Behördenfluren, öffentlichen Gebäuden, Marktplätzen und Fußgängerzonen hin? Haben wir uns hier „ausräumen“ lassen?

Im Kleinen wie im Großen, Deutschland, Europa, „die Welt“ ist mehr denn je in Bewegung. Ausläufer dieser Bewegungen reichen bis vor die Haustüren, kommen als Nachrichten in die Wohnstuben und setzen sich als Fragen im Denken, Fühlen und Träumen fest. Seit Mauerfall ist Deutschland zudem eine unübersichtliche Ansammlung von Großbaustellen. Sie greifen nachhaltig in Orientierungen, in das Selbstverständnis, das Gefühl von Zugehörigkeit, in den Alltag und in die Bilder von Zukunft ein. Sie wecken Ängste und Hoffnungen. Sie setzen neue Grenzen und Widerstände und schaffen Möglichkeiten, die auszuloten sind.

Zwischen gestern, heute und morgen entstehen widerstreitende Bildräume und Raumbilder. Wo immer sich jeder einzelne befinden mag, er ist mittendrin.

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